Sitzen am Europaplatz

Am Rand von EuropaCity

Eine künstlerische Veranstaltungsreihe rund um die Europacity Berlin

Von Mai 2018 bis zum Wochenende der europäischen Parlamentswahlen am 26. Mai 2019, organisieren wir eine Reihe von künstlerischen Interventionen in der unmittelbaren Nachbarschaft der zukünftigen Europacity.

Mehr zum Projekt auf Kultur-mitte.de

Spaziergänge
Sonntag 5. Juli 14h Treffpunkt Blog #1
Samstag 25. August 14h Treffpunkt Blog #2
Sonntag 30. September 14h Treffpunkt

Workshop: 1. Dezember 14h

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Kontakt bei Fragen oder Interesse: kontakt@amrandvoneuropa.city

Veranstalter sind Yves Mettler und Alexis Hyman Wolff, in Zusammenarbeit mit Scriptings/Wedding

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Blogeintrag #1, Alexis Hyman Wolff, 10.08.2018:

Sentire (it.) – to hear, to feel

On the 15th of July a group of neighbors, cultural agents, artists and researchers met at the corner of Lehrter and Seydlitzstr. in Berlin-Moabit to take a walk across the invisible borders into the EuropaCity. From the grown-in Lehrter neighborhood, a checkerboard marked by historical developments, from old to new, to hear and feel the borders within the city, to connect spaces, our bodies and minds forming an unprecedented social constellation. Opening up the senses, the subtle qualities of sound become audible: voices filtered through the trees of the Schräbergärten, trickling of water at a distance and the roar of the central station and Tiergarten Tunnel greeting us and raging relentlessly with the urban concentration of center-city. Along the border we find in-between spaces, be it wasteland or arcadia, fences opening up a panorama of the great construction site, there stretches along the backside, a tent city that since three years has been home to European citizens with marginal status, autonomous systems, tenuousness.

Let us come together on the Europaplatz, that triangle of dry grasses and humming bees. It is quite unrecognizable in its current state of unmarkedness, masquerading as a bus station, in the center-of-it-all we cannot stay, unhospitable triangle, all signs usher us along our way.

Since we had planned the walk one week before, two public spaces have been made inaccessible: one being the terrace of the Hauptbahnhof, we examine the outdated plans for Europacity and the vestiges of the former Europe Square, where a skyscraper is being constructed that will overshadow the station itself.

A stillness sets in as we walk through the desolate Heidestr., a pocket of pumping coming from the crossfit center, thumping, bumping. The contruction sites however take their day of rest, we pause and take in the stillness of the cranes towering silently.

These buildings are done, the apartments have been sold and a party is taking place on the balcony. Below we form a circle in the park behind the Hamburger Bahnhof and talk about the changes we have experienced, the systems and structures we know and recognize, because they are permeating, because they are global.

As we crossed the border from the old city to the new parts we could not help but feel the growing narrowness of possibility, the facelessness, computer-generatedness of the facades, the unspecificity of the new landscape, the sterility and lifelessness of this new neighborhood.

Walking through Bruce Nauman’s Double Cage Piece from 1974 as the last station of our parcours, entering and emerging from the narrow gangway, can we experience some physical and spiritual release? What is the power of art in response to that situation we are facing?

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Blogeintrag #2, Yves Mettler, 19.09.2018:

Europa in und um der EuropaCity

Es hat mich sehr gefreut, dass so viele Teilnehmer*innen des ersten Spaziergangs wiedergekommen sind und zusammen mit ein paar neuen Gesichtern sowie unseren geladenen Gästen, Manuela Bojadzijev und Claudia Weber, am Treffpunkt auf dem Platz vor der Gedenkstätte Günter Litfin, einem ehemaligen Wachturm an der Berliner Mauer entlang des Spandauer Schifffahrtskanal, erschienen sind.

Nach einer kurzen Einführung machten wir zum Kennenlernen eine „Runde der verschiedenen Perspektiven“ an diesem historisch und baulich dichten Treffpunkt, wo entlang der ehemaligen Grenze Denkmäler, Baustellen, Wasserwege, Rad- und Fusswege, Erholungszonen, Alt- und Neubauten aufeinandertreffen. Wir formten einen Kreis und jede/r von uns teilte wortwörtlich etwas aus seiner Perspektive mit und beschrieb was sie oder er gerade wahrnahm und sah. Eine kollektive Live-Collage, der verschiedensten Perspektiven auf die städtische Situation entstand.

Danach liefen wir in Zweiergruppen einige hundert Meter am Kanal entlang, je eine/r mit geschlossenen Augen der städtischen Landschaft zuhörend und die akustischen Eindrücke der/dem Partner*in laut beschreibend. Eine Frage tauchte auf: kann man gleichzeitig hören und erzählen? Welcher Rhythmus von hören und sprechen macht am meisten Sinn? Danach versammelte sich die Gruppe bei den Steinen am Ende der Wiese, gegenüber des Kornversuchsspeichers. Hier las eine Teilnehmerin einen Werbetext des Immobilienentwickler zur Zukunft des Speichers vor: „Der historische Kornversuchsspeicher soll der markante Mittelpunkt und das Wahrzeichen der Wasserstadt Mitte werden, die als Teil der Europacity der Mitte Berlins ein völlig neues Gesicht geben wird. Die Wasserstadt Mitte entsteht zurzeit östlich der Heidestraße am Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal zwischen Nordhafen und dem zentralen Stadtplatz der Europacity. 750 Wohnungen in sechs Neubauten, die sich um großzügige grüne Innenhöfe gruppieren, bilden - um Einzelhandel, Gastronomie und Gewerbe ergänzt - schon bald ein neues innerstädtisches Quartier in exklusiver Wasserlage. Für die Optik des neuen Quartiers gibt der Kornversuchsspeicher mit seiner roten Backsteinfassade die ästhetische Leitlinie vor. Für die architektonische Vielfalt wiederum sorgen vier renommierte Architekturbüros, denen die Gestaltung unterschiedlicher Teile der Wasserstadt Mitte übertragen worden ist.“

Die konkrete Situation vor Ort liess uns die Diskrepanz zwischen der Realität und den Möglichkeiten des Ortes und der ausgehöhlten Rhetorik der Immobilienentwickler wahrnehmen. Einige Teilnehmer*innen mussten laut lachen, warum? Jemand sagte: „aus Hoffnungslosigkeit.“ Niemand widersprach dieser starken Beschreibung eines Gefühls. Mir schien in diesem Moment, dass dieses Gefühle immer auf der Lauer liegt und jederzeit die positiveren Energien „unseres Projekt“ aufsaugt, ganz so wie ein schwarzes Loch. Alexis und ich hatten deshalb schnell beschlossen, die Diskussion nicht weiter zu vertiefen und durch die Bewegung des Spaziergangs die Stimmung wieder zu verändern. Während des weiteren Verlaufs des „Projektes“ sollte solchen Gefühlen aber auf jeden Fall mehr Raum und Zeit gegeben werden.

Wir gingen weiter bis zum Anfang der vor Kurzem erst wegen der EuropaCity-Baustelle gesperrten Fussgängerbrücke. Hier hat Manuela Bojadzijev, Vize-Leiterin der Abteilung "Integration, soziale Netzwerke und kulturelle Lebensstile" am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM), Humboldt-Universität Berlin, der Gruppe davon berichtet wie Europa tatsächlich ständig politische Grenzen – gerade auch ausserhalb des europäischen Kontinents – neu-produziert. Ihr Vortrag fand besonderen Anklang und ich war über ihren Input sehr dankbar. Die Präsentation hat sich klar zum Thema europäischen Aussengrenzen positioniert. Hierin fand ich auch konzeptuelle Werkzeuge, um für mich in die Begriffe „Grenze“ und „Ausgrenzung“ wieder eine denkerische Beweglichkeit zu bekommen. Ständig gibt eine Mehrzahl von Grenzen, die in Bewegung sind und sich mal mehr, mal weniger überlappen, genau hierin könnte eine Möglichkeiten liegen von einem verschiedene Bereiche zu erreichen und verbinden.

Danach überquerte die Gruppe die grosse Brücke zur ehemalige Tankstelle an der Ecke Heidestrasse/Perlebergerstrasse, der nördlichste Punkt der Europacity. Leichte Regentropfen, drohendes Gewitter und Lärm vertrieben uns schnell von der brachliegenden Tankstellenfläche, nachdem wir noch schnell über die Mauer hinunter auf die Baustelle blickend, einen von den Arbeitern aufgebauten Sonnenschutzverschlag, inklusive Fahnenmast und Union Jack, äußerst verwundert bestaunen konnten.

Danach machten wir erst wieder am neugestalteten Nordhafenufer, auf der Seite des Bayer-Gebäudes halt. Ganz automatisch versammelte sich die Gruppe auf einem Zweig des Weges, der hauptsächlich von Fahrradfahrer genutzt wird. Mein Gedanke hierbei: die Gruppe reklamierte „an sich und für sich“ schon einen temporären Raum, sozusagen einen ständig mobilen innerstädtischen Kulturraum. An dieser Stelle gab es den zweiten Inputvortrag, diesmal von Claudia Weber, Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt a.O.. Sie führte aus, wie sich historisch der„Begriff“ von Europa verändert hat und schon von den unterschiedlichsten politischen Parteien und Konzeptionen besetzt wurde. Auch heute kämpfen diese Konzeptionen beständig um die Begriffshoheit. Immer wieder scheint es mir auch für unser Projekt wichtig, die Frage nach den verschiedensten Konzeptionen von Europa anhand und im Angesicht der EuropaCity zu stellen und weiter verfolgen.

Nach dem Vortrag liefen wir im Gänsemarsch auf den Pflastersteinen, welche in dem erst 2017 gebildeten Park die Trennlinie zwischen dem Privatbesitz der Firma Bayer und der öffentlichen Stadtfläche des Land Berlins bilden, entlang. Dies machte sichtlich der ganzen Gruppe Spass und brachte uns die eigenen Körper wieder ins Bewusstsein: die städtische Katasterlinie wurde für Minuten zum kollektiven Spielraum. Die offenliegenden Themen, wie die Entstehung des Parkes, die Bayer-Charité-Axe, das Verschwinden von städtischen Zonen, konnten im Spaziergang nur kurz angeschnitten werden, aber es bildeten sich doch eine Reihe von Denkbildern, mit denen im Projekt weiter gearbeitet werden kann.

Der Endpunkt des Spaziergangs befand sich am Beckenrand, wo die Panke in den Kanal mündet. Die dort gebauten breiten zickzackförmigen Stufen sahen zwar einladend aus, erwiesen sich aber als wenig praktikabel für ein Gruppengespräch. Nach einer Runde Kaffee und Kuchen versuchten wir, während wir noch über unsere Eindrücke austauschten, auch Schlussfolgerungen zu formulieren. Dies erwies sich allerdings in der Situation als sehr schwer, deshalb erscheint mir diese Suche nach „Schlussfolgerungen oder Alternativen“ die zentrale Aufgabenstellung für den kommenden „Zu-hören-Workshop“ im Dezember zu sein.

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